Extremwetterereignisse, Hitzewellen und Starkregen prägen den urbanen Alltag in Deutschland immer stärker. Die Klimakrise ist längst kein Zukunftsszenario mehr, sondern reale Herausforderung für die Stadtentwicklung. Vor diesem Hintergrund gewinnen blau-grüne Infrastrukturen – also das Zusammenspiel von Wasser- und Grünflächen – an Bedeutung. Sie sind kein „Nice-to-have“, sondern eine zentrale Klimaanpassungsmaßnahme.
Blau-grüne Infrastrukturen verbinden Parks, Bäume, Fassadenbegrünung, offene Wasserflächen, Retentionsräume und versickerungsfähige Böden zu einem funktionalen System. Sie kühlen Städte durch Verdunstung, verbessern die Luftqualität und reduzieren Überflutungsrisiken bei Starkregen. Gleichzeitig steigern sie die Aufenthaltsqualität und fördern die Biodiversität. Gerade in dicht bebauten Quartieren können Schwammstadt-Prinzipien, begrünte Dächer und entsiegelte Flächen den Unterschied zwischen Hitzestress und lebenswerter Umgebung ausmachen.
Deutsche Städte reagieren zunehmend auf diese Herausforderungen. Kommunen setzen mit Anpassungsstrategien an den Klimawandel auf mehr Stadtgrün, Regenwassermanagement und die Vernetzung bestehender Freiräume. Auch Programme zur Dach- und Fassadenbegrünung oder zur Umgestaltung von Straßenräumen zeigen, dass das Thema politisch angekommen ist. Hamburg hat bereits vor Jahren mit dem Projekt RISA auf ein neues Verständnis im Umgang mit Wasser gesetzt. Dennoch bleibt die Umsetzung häufig kleinteilig, projektbezogen und abhängig von Förderlogiken, statt strukturell in der Planung verankert zu sein. Auch Zuständigkeitsfragen im öffentlichen Raum erleichtern die Aufgabe nicht.
Im internationalen Vergleich steckt die wasserbewusste Stadtentwicklung hierzulande noch in den Kinderschuhen. Städte wie Kopenhagen, Rotterdam oder Singapur denken Wasser längst als gestaltendes Element der Stadt. Dort werden Überflutungsflächen bewusst in Parks integriert, Regenwasser sichtbar geführt und urbane Räume multifunktional genutzt. Der Blick über den Tellerrand lohnt: Nicht der Versuch der technischen Abschottung, sondern das Leben mit Wasser steht im Fokus.
Für Deutschland bedeutet das, blau-grüne Infrastrukturen stärker als Pflichtaufgabe der Stadtentwicklung zu begreifen. Klimaanpassung darf nicht als Zusatz, sondern muss als Grundprinzip geplant werden. Nur wenn Wasser, Begrünung und Stadt gemeinsam gedacht werden, bleiben Städte auch unter den Bedingungen zunehmender Hitze und Extremwetter lebenswert.
Dipl.-Ing. Christoph F.-J. Schröder
Vorstandsmitglied der Bundesingenieurkammer
