Hitzeaktionstag 2026: Wie Verschattung unsere Städte klimaresilienter machen kann

Hitzeaktionstag 2026: Wie Verschattung unsere Städte klimaresilienter machen kann

Hitzeaktionstag 2026: Wie Verschattung unsere Städte klimaresilienter machen kann 1920 1080 Bundesingenieurkammer

Die Bundesingenieurkammer beteiligt sich erstmals als Partner am bundesweiten Hitzeaktionstag, der am 11. Juni 2026 stattfindet. Der Aktionstag lenkt die Aufmerksamkeit auf die gesundheitlichen, gesellschaftlichen und städtebaulichen Herausforderungen zunehmender Hitzeperioden und häufiger Extremtemperaturen.

Anlässlich des Hitzeaktionstages sprachen wir mit Prof. Dr.-Ing. Stephan Engelsmann, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Ingenieurbüros Engelsmann Peters, Professor für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre (abk Stuttgart) und Präsident der Ingenieurkammer Baden-Württemberg über die Potenziale von Verschattungssystemen und die Zukunft klimaangepasster Städte gesprochen.

Städte im Fokus der Klimafolgen
Besonders urbane Räume sind von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Dicht bebaute Quartiere, versiegelte Flächen und die hohe Speichermasse von Gebäuden führen dazu, dass sich Straßen und Plätze tagsüber stark aufheizen und nachts nur unzureichend abkühlen. Es entstehen sogenannte urbane Hitzeinseln. Die Folgen reichen von einer sinkenden Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum bis hin zu erheblichen gesundheitlichen Belastungen – insbesondere für ältere Menschen und andere vulnerable Gruppen.

Verschattung als wirksamer Hebel der Klimaanpassung
Neben Begrünung und Wasserelementen rückt ein weiterer Ansatz zunehmend in den Fokus: die gezielte Verschattung öffentlicher Räume. Verschattungssysteme können die Zahl der Hitzestressstunden deutlich reduzieren und tragen dazu bei, die Oberflächentemperaturen von Straßen und Plätzen spürbar zu senken.

Forschungsprojekt U°CA: Innovative Lösungen für den Stadtraum
Wie solche Maßnahmen konkret umgesetzt werden können, zeigt das Forschungsprojekt „U°CA – Urban Climate Adaptation“ der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart (abk), gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung. Im Rahmen des Projekts wurden unterschiedliche baukonstruktive Konzepte zur Verschattung von Straßenräumen und Plätzen entwickelt und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit untersucht. Digitale Simulationsmethoden ermöglichen dabei bereits in der Planungsphase eine fundierte Bewertung und Optimierung der mikroklimatischen Effekte.

Interdisziplinäre Ansätze in der Lehre
Ein zentraler Bestandteil des Projekts war die Arbeit von Studierenden der Klasse für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre unter der Leitung von Prof. Dr. Stephan Engelsmann, teilweise in Kooperation mit dem Studiengang Industrial Design. In ihren Entwürfen entwickelten sie innovative, teils wandelbare Verschattungssysteme für öffentliche Räume. Die Bandbreite reicht von modularen Leichtbaukonstruktionen bis hin zu integrativen Konzepten, die Konstruktion, Gestaltung und Klimaanpassung miteinander verbinden.

Ingenieurkompetenz für klimaresiliente Städte
Die Arbeiten verdeutlichen exemplarisch, welchen Beitrag Ingenieurinnen und Ingenieure gemeinsam mit Architektinnen und Architekten leisten können, um Städte widerstandsfähiger gegenüber den Folgen des Klimawandels zu machen. Klimaanpassung ist längst nicht mehr allein eine Aufgabe der Stadtplanung, sondern zunehmend auch eine zentrale Ingenieuraufgabe.

Interview mit Stephan Engelsmann

Was sollte in den nächsten zehn Jahren passieren, damit öffentliche urbane Räume an heißen Sommertagen lebenswert bleiben?

Dr. Stephan Engelsmann: Eine hinreichende Sensibilität für die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Städte ist noch nicht bei allen Akteuren vorhanden, sie werden regelmäßig unterschätzt. Dabei sind die mitteleuropäischen Städte im Unterschied zu schon immer heißen Regionen nicht für hohe Temperaturen gebaut. Sie können in vielen Fällen auch nicht kurzfristig modifiziert oder umgebaut werden. Ein klimagerechter Umbau der bestehenden Stadtstrukturen in Form einer nachträglichen Ergänzung von grüner und/oder blauer Infrastruktur ist grundsätzlich wünschenswert. In den meist auch unterirdisch hochverdichteten urbanen Räumen ist dies aber in vielen Fällen nicht möglich.

Es entsteht insofern in zahlreichen urbanen Regionen ein akuter Handlungsbedarf, um erstens die Aufenthaltsqualität in den öffentlichen Räumen zu erhalten und zweitens die Gesundheit insbesondere vulnerabler Gruppen zu schützen. Einen sinnvollen Lösungsansatz für die Mikroklimaadaption bieten feststehende oder wandelbare Leichtbau-Strukturen, sogenannte „urban shades“, die bereits einen jahrhundertelangen Evolutionsprozess durchlaufen haben. Sie können heute mit Hilfe von ingenieurwissenschaftlichen Methoden neu gedacht und bewertet werden.

Welche Kompetenzen bringen Ingenieurinnen und Ingenieure bei der Entwicklung klimaangepasster Städte ein, die häufig in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt werden?

Dr. Stephan Engelsmann: Ingenieurinnen und Ingenieure können an ganz vielen Stellen sehr bedeutsame und auch notwendige Beiträge einbringen. Dies beginnt bei der ingenieurwissenschaftlichen Erarbeitung der Randbedingungen, wie beispielsweise Klimaanalysen, Messungen und Besonnungsstudien. Diese Informationen sollten stets die Grundlage für einen nachhaltigen und klimagerechten Städtebau bilden. Es wäre sehr sinnvoll, wenn insbesondere die Bauleitplanung, aber auch die Planung von öffentlichen Außenräumen wie Verkehrsräume und Plätze auf methodisch ermittelten Grundlagen aufsetzen.

Eine moderne, klimagerechte Stadtplanung ist ein anspruchsvoller interdisziplinärer Planungsprozess. Eine Ingenieurleistung ist auch das Implementieren von grüner und vor allem blauer Infrastruktur, also die Integration von Begrünung und Wasser in den Stadtraum. Nicht zuletzt können Ingenieure für den Umbau unserer bestehenden Städte verschattende, beispielsweise textile Konstruktionen entwickeln, entwerfen, konstruieren und bemessen.

Im Rahmen des Forschungsprojektes haben Ihre Studierenden innovative Verschattungssysteme für Straßen und Plätze entwickelt. Welche Ideen oder Erkenntnisse aus diesen Entwürfen haben Sie besonders überrascht?

Dr. Stephan Engelsmann: Es war von Beginn an ein Teil des Forschungsvorhabens, neben den grundlagenbildenden und ingenieurwissenschaftlichen Beiträgen auch konzeptionelle Lösungsvorschläge mit Studierenden zu entwickeln. Aufgrund unterschiedlicher klimatischer, räumlich-geometrischer und funktionaler Anforderungen kommt den experimentellen und prototypischen Beiträgen ein besonderer Stellenwert zu. Sie sind eine wichtige Voraussetzung für Weiterentwicklung und Innovation, belegen die Vielfalt der Lösungsmöglichkeiten und geben Gestaltungsspielraum, die mikroklimatische Wirksamkeit situationsabhängig zu optimieren.

Die Studierenden haben Prototypen entwickelt wie beispielsweise modulare, wandelbare Systeme aus Aluminium-Sandwich-Bauteilen oder eine wandelbare Re-use Membranüberdachung für eine Dachterrasse aus recyclierten Fallschirmen. Neben den mechanisch vorgespannten Membrankonstruktionen zeigte das Projektteam, wie pneumatisch vorgespannte Membrankonstruktionen in Form von Schläuchen, Kissen und Ballons eingesetzt werden können. Diese eröffnen zusätzliche Spielräume und Möglichkeiten, beispielsweise eine Verschattung durch pneumatische Wolken. Perspektivisch von Interesse sind auch Kombinationen von Struktur und Begrünung, bei denen hochrankende Pflanzen eine gute Verschattungswirkung zeigen. Bei einem Einsatz von laubabwerfenden Pflanzen wird der Schatten nur in der Vegetationsperiode der Pflanzen, also in den heißen Sommermonaten, erzeugt.

Forschungsprojekt „U°CA – Urban Climate Adaptation“

Pneumatische Wolke. Klasse für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre abk Stuttgart. Entwurf: Stud. Lukas Fischer, Nayeon Kim, Ningning Wang. Betreuung: Prof. Dr. Stephan Engelsmann, AM Oliver Kärtkemeyer. Visualisierung © abk Stuttgart / Lukas Fischer, Nayeon Kim, Ningning Wang
Modulares Verschattungssystem aus Aluminium-Sandwich-Bauteilen. Klasse für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre in Kooperation mit Studiengang Industrial Design abk Stuttgart. Entwurf: Stud. Moritz Grünaug, Bastian Hau, Levent Ortak. Betreuung: Prof. Dr. Stephan Engelsmann, Prof. Aylin Langreuter, Prof. Christophe de la Fontaine, AM Oliver Kärtkemeyer, AM Tobias Laukenmann, AM Max Neustadt. Foto © abk Stuttgart / Moritz Grünaug, Bastian Hau, Levent Ortak
Wandelbare Re-use Membranüberdachung. Klasse für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre abk Stuttgart. Entwurf: Stud. Florian Klein. Betreuung: Prof. Dr. Stephan Engelsmann. Visualisierung © abk Stuttgart / Florian Klein
Leichtbau-Verschattungsstruktur mit Begrünung. Klasse für Konstruktives Entwerfen und Tragwerkslehre in Kooperation mit Studiengang Industrial Design abk Stuttgart. Entwurf: Stud. Paul Matzkovits, Severin Zimmermann. Betreuung: Prof. Dr. Stephan Engelsmann, Prof. Aylin Langreuter, Prof. Christophe de la Fontaine, AM Oliver Kärtkemeyer, AM Tobias Laukenmann, AM Max Neustadt. Visualisierung © abk Stuttgart / Paul Matzkovits, Severin Zimmermann

Über den Hitzaktionstag

Am 11. Juni 2026 findet der bundesweite Hitzeaktionstag unter dem Motto „Gemeinsam vorsorgen für Extremhitze“ statt. Initiatoren sind u. a. Bundesärztekammer, KLUG, Deutsche Krankenhausgesellschaft, Deutscher Pflegerat, GKV-Spitzenverband und Klima-Allianz Deutschland. Über 125 Organisationen aus Deutschland und Österreich beteiligen sich.

Ziel ist es, auf die gesundheitlichen Risiken von Extremhitze aufmerksam zu machen und Schutzmaßnahmen zu stärken. Hitzewellen werden häufiger, intensiver und länger – der Handlungsbedarf steigt.

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